Sonntag, 11. August 2013

+++STREICHHOLZKÖNIG IVAR KREUGER, oder ein Imperium aus Zündhölzern+++


Die beispiellose Karriere des Finanzmoguls Ivar Kreuger gründete auf einem schlichten Gegenstand aus Holz: In den zwanziger Jahren baute der Schwede die väterliche Zündholzfabrik zu einem gigantischen Monopol aus. Als sein Firmenkonglomerat ins Straucheln geriet, erzitterte halb Europa.

Schweigsame Kunden war der Pariser Waffenhändler Antoine Bervilleur gewohnt. So blieb er auch unbeeindruckt, als am Abend des 11. März 1932 ein weiterer Käufer im zugeknöpften schwarzen Mantel sein Waffengeschäft in der Nähe des Champs-Elysées betrat. Der Mann interessierte sich nur für schwere Kaliber - und wählte eine 9-Millimeter von Browning aus. Nachdem sich der Waffenhändler bestimmungsgemäß nach dem Namen des Käufers erkundigt hatte, blieb ihm der Mund offen stehen. "Ivar Kreuger", lautete die Antwort. 


Ivar Kreuger war der Zündholzkönig. Halb Europa stand bei ihm mit Millionenkrediten in der Kreide. Was zu diesem Zeitpunkt keiner ahnte: Kreugers Firmenimperium stand kurz vor dem Kollaps. Als Kreuger das Waffengeschäft verließ, sollten ihm nur noch wenige Stunden verbleiben. Am nächsten Tag fand man den 53-Jährigen tot in seiner Wohnung auf. 

Der Baulöwe 

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte alle Welt Kreuger für seine rasante Karriere und seinen unerhörten Erfolg bewundert. Mit Streichhölzern, die seinen späteren Reichtum begründen sollten, war der 1880 in Kalmar geborene Schwede früh in Kontakt gekommen: Sein Vater besaß eine Zündholzfabrik. Vom Geschäft war der Sohn zunächst jedoch nur wenig angetan. Anstatt in die Fußstapfen des Vaters zu treten, schloss der junge Mann bereits mit knapp 20 Jahren ein Ingenieursstudium ab. Dann zog es ihn fort: Nach Mexiko, Indien, England und vor allem Südafrika, wo er mit 23 Jahren die Errichtung des größten Hotelkomplexes der Welt leitete. 

Kreuger baute und baute, bald auch mit seiner eigenen Firma in Schweden. Der umtriebige Schwede mischte nicht nur im Immobiliengeschäft mit, sondern auch in der Film- und Telekommunikationsbranche. 1913 kam dann doch noch die Leitung der väterlichen Streichholzproduktion dazu, für die er sich zunehmend begeisterte. 



Bilder zeigen ihn als einen ernst aussehenden Mann, der mit stechendem, intelligentem Blick seine Gesprächspartner ins Visier nahm. Seine Persönlichkeit schien außerordentlich einnehmend gewesen zu sein. Einer seiner engen Mitarbeiter sagte: "Ivar hatte etwas an sich, das auf Größe hindeutete. Ich glaube, er konnte die Menschen von allem überzeugen." 

Big Money 

Der Erste Weltkrieg sollte aus dem jetzigen schwedischen Streichholzproduzenten einen internationalen Finanzmogul machen. Mit gutem Instinkt erkannte er, was Europa nach Kriegsende am dringendsten brauchte: Geld. Und das war nur in Amerika zu holen. 1922 schiffte sich Kreuger in einem dunkelblauen Anzug, bewaffnet mit Spazierstock und Aktentasche, auf einem Luxusdampfer in die USA ein. 

An Bord zog er eine große Show ab - die erste von vielen. Kreuger parlierte in fünf Sprachen und gab, durchaus charmant, mit seinem Wissen an. Beeindrucken wollte er die wohlhabenden Mitreisenden vor allem mit seinem Lieblingsthema: den Streichhölzern. Und vor allem den Gewinnmöglichkeiten, die sie boten. Immer wieder ließ er in seinen Unterhaltungen an Bord geheimnisvolle Andeutungen über große Geschäftsideen einfließen, die er zu verwirklichen gedachte. Sein Meisterstück aber bestand in der Bestechung des Bordfunkers. So konnte Kreuger den Funkraum über Stunden für sich allein belegen und den Passagieren weismachen, dass er hier gewaltige Transaktionen tätige. Kreugers Mummenschanz war erfolgreich. Bei der Ankunft in New York war er bereits Gesprächsthema Nummer Eins - die Mitreisenden hatten die Ankunft des geheimnisvollen Schweden angekündigt. 

Nun eroberte Kreuger die amerikanische Finanzwelt. Sein Plan war so einfach wie bestechend. Er lieh vor allem den geldhungrigen europäischen Staaten das so dringend benötigte Kapital, das er zuvor in den USA gegen Anleihen bei Anlegern und Banken eingesammelt hatte. Statt jedoch hohe Zinsen von den Schuldnerländern einzustreichen, war Kreuger auf etwas anderes aus. Er ließ sich jeweils das nationale Monopol auf die Herstellung und den Vertrieb von Zündhölzern übertragen. Und fast alle krisengebeutelten Länder griffen bei dem vermeintlich günstigen Angebot zu. Frankreich lieh sich 75 Millionen, Ungarn 36 Millionen und Polen fast 33 Millionen Dollar bei Kreuger. Das größte Geschäft machte der Schwede aber mit Deutschland: 125 Millionen Dollar pumpte sich das klamme Deutsche Reich 1930 zu unverschämt günstigen 6 Prozent Zinsen. 

Kreuger wurde nun zum ungekrönten Zündholzkönig und kontrollierte bis zu drei Viertel der weltweiten Streichholzproduktion. Seine Marktmacht nutzte er weidlich aus: Die Preise für Kreugers Zündwaren stiegen an. Millionen Verbraucher zahlten fortan überhöhte Preise für ihre Streichhölzer. Lange vor der Erfindung des Feuerzeugs waren Zündhölzer zu dieser Zeit einer der meistgenutzten Alltagsgegenstände, unverzichtbar in jedem Haushalt. Geschickt hatte Kreuger den freien Wettbewerb für diese unverzichtbare Feuerquelle ausgehebelt und ein gigantisches Monopol errichtet. 

Ein König 

Kreugers Holding schüttete eine Dividende von sagenhaften 25 Prozent aus. Dabei führte der schwedische Finanzmogul sein weit verzweigtes Firmengeflecht selbstherrlich wie ein Sonnenkönig. "Guten Morgen, meine Herren. Es wurde beschlossen, das Kapital von Kreuger & Toll um 12 Millionen Kronen zu erhöhen. Irgendwelche Einwände? Ich danke Ihnen, meine Herren. Auf Wiedersehen." Dermaßen kurz und knapp, so schilderte ein enger Mitarbeiter, habe Kreuger die Jahresversammlungen des Vorstandes seiner Holding abgehalten. Kontrolle und Aufsicht waren im Kreuger-Imperium nahezu unbekannte Begriffe, allein der Chef wusste, wie es um das Unternehmen stand. "Gewinne aus sonstigen Investitionen" lautete der undurchsichtige Posten in der Bilanz, in dem Kreuger die einträglichsten Geschäfte verbuchte. Weder Börsenprofis noch die Regierungen schauten Kreuger auf die Finger, so lange die Dividende floss. 

"Schweigen, mehr Schweigen und noch mehr Schweigen", beschrieb Kreuger selbst das Geheimnis seines Erfolgs. Dieses Wachsen durch Schweigen funktionierte lange Zeit hervorragend. Über 300 Gesellschaften nannte Kreuger sein eigen. Neben den Zündholzfabriken gehörten ihm unter anderem Goldminen und Hüttenwerke, die Telefonfirma Ericsson und wesentliche Teile der schwedischen Papierindustrie. Auf dem Höhepunkt seines Erfolges war er Chef von etwa 75.000 Menschen. Standesgemäß residierte er im sogenannten "Match Palace", dem Streichholzpalast in Stockholm. 

Königreich in Scherben 

Doch 1929 wankte die Finanzwelt. Der Kurssturz an den Aktienmärkten löste im Oktober die Weltwirtschaftskrise aus. Zunächst konnten sich Kreuger und seine Holding der Krise entgegenstemmen. Immerhin schuldeten ihm 17 Staaten eine Summe von knapp 300 Millionen Dollar. Doch diese Schuldner bekamen immer größere Probleme, ihre Raten vertragsgemäß zu bedienen. Die versprochenen Dividenden konnte der Schwede schließlich nur noch aus seinen verschuldeten Unternehmen saugen. Unter Kreugers Gläubigern kam Unruhe auf, sie verlangten Garantien. Um sie zu beruhigen, beraumte der Schwede ein Krisentreffen für den 12. März 1932 in Paris an. 

Die Gläubiger warteten allerdings vergeblich: Als Kreuger nicht erschien, eilte ein Mitarbeiter in dessen Wohnung. Hier lag der Zündholzkönig mit einem Einschussloch im Herzen. Der dazu geeilte Arzt stellte Selbstmord fest. Bis heute halten sich allerdings Gerüchte, wonach Kreuger ermordet wurde. Viele Fragen blieben offen: Warum zum Beispiel hielt der Rechtshänder Kreuger die Waffe, mit der er sich getötet hatte, anscheinend in der linken Hand? 

Bei Bekanntwerden von Kreugers plötzlichem Tod trauerte die Welt. Der bedeutende Ökonom John Maynard Keynes würdigte den Zündholzkönig im Radio: "Hier hatten wir einen Mann, der vielleicht die größte konstruktive Finanzbegabung unserer Zeit besaß." Doch bald stellten sich Zweifel an der Seriosität und Legalität dieser hochgeehrten Finanzbegabung ein. Anscheinend hatte Kreuger in seiner Not italienische Schatzanleihen gefälscht, um seine Geschäfte zu stützen. 

Das Imperium überlebte den Tod seines Gründers nur kurze Zeit. Nach Bekanntwerden der Ungereimtheiten im Finanzgebaren stießen die meisten Anteilseigner ihre Aktien ab. Der so ausgelöste Börsencrash ging als "Kreuger-Crash" in die Wirtschaftsgeschichte ein. Wie ein Streichholz knickten Kreugers gewagte und undurchsichtige Finanzkonstruktionen ein. In den USA wurde in Folge von Kreugers Aufstieg und Niedergang eine strengere Finanzaufsicht eingeführt. 

Die Deutschen zahlten noch bis 1983 den Preis für Kreugers Kredit. Erst dann nämlich lief das Monopol für Streichhölzer aus, das eine Nachfolgefirma geerbt hatte - die Preise fielen anschließend um ein Drittel. 

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